
Filmbesprechung - Wo die wilden Kerle wohnen
15.05.2010, 13:57 Uhr | Autor: Paul | 3 Kommentare
In jedem von uns steckt einer
Wer hat nicht irgendwann mal nostalgisch zurückgeblickt und sich gewünscht, wieder ein Kind zu sein? Wer erinnert sich nicht an die Zeit, als eine Decke über zwei Stühlen eine Höhle mit einem gefährlichen Drachen war und ein Kochlöffel ein mächtiges Schwert? Für diejenigen, die sich mal wieder so fühlen möchten, gibt es jetzt den Film "Wo die wilden Kerle wohnen" auf dem Zune Marktplatz. Und dabei ist die Aussage ernst zu nehmen. Der Film ist nämlich dermaßen mitreißend, dass man auch als Erwachsener für die anderthalb Stunden, die man ihn sich ansieht, wieder zum Kind wird.
Die Verfilmung des gleichnamigen Kinderbuches von Maurice Sendak erzählt vom kleinen Jungen Max, der ein typisches Kind ist: Verspielt, träumerisch, impulsiv, aber auch manchmal jähzornig. Nachdem Max von den Freunden seiner Schwester schlecht behandelt wird und auch seine Mutter nicht mit ihm spielen kann und will, weil sie ihren neuen Freund eingeladen hat, rebelliert er. Lauthals schreiend und durch die Wohnung springend wird er von seiner Mutter getadelt, was dazu führt, dass er aus dem Haus flieht und in den nächtlichen Wald läuft. Dort findet der als Wolf verkleidete Junge ein Boot, mit dem er zu einer unbekannten Insel segelt, wo die wilden Kerle wohnen. Dabei handelt es sich um riesige behaarte Fantasiewesen, die Max zuerst fressen wollen, ihn aber dann zum König ernennen, als er ihnen mit seinen magischen Kräften droht. Doch auch bei den wilden Kerlen gibt es Streit und Zwist...
Ganz klar handelt es sich bei dem Abenteuer um Max' Fantasie, die mit ihm durchgeht - seine persönliche kleine Weltflucht. Aber das heißt nicht, dass die Charaktere und vor allem ihre Probleme nicht real wären. Carol, Ira, Judith, Douglas, Alexander und KW sind trotz ihres monströsen Aussehens erstaunlich menschlich, wenn es um Freundschaft, Neid und Enttäuschung geht. Und Max hat alle Hände voll zu tun, alles ins rechte Lot zu rücken ohne dabei noch mehr Schaden anzurichten. Glücklicherweise werden die Lehren des Filmes nicht mit der Holzhammer-Methode vermittelt, wie es beispielsweise Disney machen würde. Die Moral ist definitiv vorhanden und man bemerkt sie auch ohne Mühe, aber der Film spricht sie nie direkt an und versucht auch nicht den Zuschauer zu erziehen.
Auf der technischen Seite wird die Präsentation der Geschichte einige Nostalgie verursachen. "Wo die wilden Kerle wohnen" verzichtet bewusst großteils auf Special Effects. Die wilden Kerle selber sind große Puppen und Kostüme, ähnlich wie Samson aus der Sesamstraße - wenn auch deutlich elaborierter. Auch der Rest des Films besitzt keine Szenen, die auf CGI zurückgreifen müssten. Alle Kulissen sind real und erzeugen ein Gefühl von guter alter Zeit, an die Ära in der noch alle Monster, Aliens und Dinos mit Puppen dargestellt wurden.
Besonderes Lob muss man dem Ton aussprechen. Die musikalische Untermalung ist genial, die Lieder sind allesamt auf einer Akustik-Gitarre gespielt und klingen zumindest so, als könne sie jedermann zuhause nachspielen. Aber die Stimmung die sie verbreiten, zusammen mit der Wahl der Zeitpunkte, zu denen sie eingespielt werden, hätte man nicht besser treffen können. Trauer, Furcht, Erregung, alle Emotionen werden von der Musik nicht nur untermalt sondern sogar ganz getragen. Bei den Sprechern muss man in der deutschen Version zwar auf die Stimme von Forest Whitaker als Ira verzichten, dafür hat man Stefan Fredrich, den Synchronsprecher von Jim Carrey, für die Vertonung von Carol gewählt.
Fazit von Paul: 8,6 von 10
Spike Jonze ("Being John Malkovich") ist mit "Wo die wilden Kerle wohnen" nicht nur eine tolle Adaption des Kinderbuchklassikers gelungen, er hat zudem auch eine kleine Zeitreise geschaffen - nämlich die Reise jedes einzelnen Zuschauers in seine eigene Kindheit. Kinder bis 10 Jahre werden an der Geschichte ihren Heidenspaß haben und auch Erwachsene können beherzt zugreifen und für anderthalb Stunden mal wieder jung sein - auch wenn sie wohl nicht so viel Freude daran haben werden, wenn sie ihn sich alleine zu Gemüte führen. Die Generation dazwischen wird jedoch wahrscheinlich einen großen Bogen um den Film machen, da der Film für sie - ohne Kindheitsnostalgie - zu infantil sein dürfte. Am Besten funktioniert "Wo die wilden Kerle wohnen" auf jeden Fall wenn man ihn in der ganzen Familie genießt. Man rückt gemeinsam auf der Couch zusammen, die Kinder erfreuen sich am Film und die Eltern an der Begeisterung ihrer Sprösslinge.
| Mir ist soeben aufgefallen, dass im Trailer auf der Zune-Website ein anderer Sprecher für Carol gecastet wurde. Im fertigen Film ist es aber tatsächlich Stefan Fredrich, aka der "deutsche" Jim Carrey. |
Ich hab ihn leider noch nicht gesehen. Wird wohl mal Zeit |
















